Amblyopie: Shutterbrille soll Therapie verbessern

4. Januar 2018 | By More

Kind mit einem Prototyp der Shutterbrille (Fotonachweis: Augenklinik Sulzbach)

Schwachsichtigkeit bei Kindern (Amblyopie) behandeln Ophthalmologen durch Abkleben des gesunden Auges – das ist der Goldstandard in der Behandlung seit rund 50 Jahren. Dadurch wird das schwachsichtige Auge „trainiert“. Entscheidender Erfolgsfaktor in der Therapie ist die Tragezeit. Durch die schlechte Akzeptanz verfehlen bisher viele Therapien ihr Ziel. Die Therapieadhärenz soll durch die neue, kontextsensitive Technologie einer interaktiven Shutterbrille mit sensorischem Feedback maßgeblich verbessert und objektiv überprüft werden. Weil das lästige Abkleben des gesunden Auges entfällt und sich die interaktive Brille individuell an das Aktivitätsniveau des Kindes anpasst, soll die neue Shutterbrille das permanente Tragen erleichtern. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fördert das innovative Forschungsprojekt an der Augenklinik Sulzbach.

 

Die Entwicklung der neuen Shutterbrille zur individualisierten Therapie von Schwachsichtigkeit ist Gesamtziel eines einmaligen Verbundprojekts unter der medizinischen Leitung von Prof. Dr. med. Kai Januschowski und Dr. med. Annekatrin Rickmann. Durch ihre kontextsensitiven Sensoren passt sich die interaktive Shutterbrille an das Bewegungsniveau des Nutzers an und kann sogar beim Sport getragen werden. Die Technik ist erstmals kindgerecht und bietet eine schlüssige Lösung für das Problem der oft schlechten Akzeptanz der heutigen Therapien. Prof. Januschowski berichtet: „Die Entwicklung einer sensorgestützten Shutterbrille ist weltweit ein einzigartiges Projekt. Die moderne Technologie für die Zielgruppe Kinder und Jugendliche könnte sogar potentiell eine Option für Erwachsene darstellen“. Ein weiterer Vorteil liegt darin, dass die Shutterbrille dem Arzt fortlaufend Daten für das Monitoring liefern kann und damit den Therapieplan sinnvoll unterstützt. Nach Auswerten aller Sensordaten gibt die Brille dem Träger pro Tag ein kindgerechtes Feedback. Zudem können Eltern mittels einer App Okklusionszeiten und Trageverhalten beobachten.

 

Die Robustheit und Zuverlässigkeit des Feedbackmechanismus und die kontextsensitive Interaktion sind ein wesentlicher Aspekt im Hinblick auf die Therapieadhärenz. Dr. Annekatrin Rickmann erklärt: „Die eigentliche Herausforderung in der Therapie besteht darin, dass die Therapieadhärenz mit den gängigen Verfahren nicht objektiv überprüfbar ist und die Behandlung dadurch versagen kann“. Insbesondere beim Verdecken des gut sehenden Auges mit einem unbequemen, entstellenden und daher vom Kind schlecht akzeptierten Klebepflaster ist dies der Fall. Selbst mit den aktuell gängigen „einfachen“ Shutterbrillen ist die Therapieadhärenz häufig unzureichend, weshalb unnötig viele Therapien ihr Ziel verfehlen. Mit den interdisziplinären Aktivitäten will man in Sulzbach bessere Voraussetzungen bei der Therapie der Amblyopie schaffen. In der Augenklinik greife alles Wichtige stimmig ineinander: der translationale, bereichsübergreifende Ansatz in enger Zusammenarbeit mit den Experten der Sehschule sowie den Operateuren.

 

Vernetzung gewährleistet reife Technologie

 

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fördert das Kooperationsprojekt zwischen der Augenklinik Sulzbach, dem Fraunhofer-Institut für Biomedizinische Technik (IBMT) und dem Medizintechnologieunternehmen Novidion. Das Projekt beinhaltet die Entwicklung eines interaktiven Medizingeräts mit direkt am Körper getragenen Sensoren und Aktoren (InsisT-System). Die mit multimodalen Sensoren und Patientenfeedback ausgestattete Shutterbrille kommuniziert über eine Bluetooth-Schnittstelle bidirektional mit einem Smartphone, wobei die zugehörige Software von den Eltern des Kindes intuitiv bedienbar ist. Das Smartphone übermittelt relevante Daten an eine über das Internet zugängliche Patientenakte, die wiederum vom behandelnden Arzt über eine Internetschnittstelle abgerufen und ausgewertet werden kann. Seit April 2017 läuft die technische Entwicklung der Brille und ist auf drei Jahre ausgelegt. Dann soll ein erster Demonstrator bereit stehen, der in einer Studie getestet werden soll.

 

Quelle: Augenklinik Sulzbach

Category: Medizin

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