AMNOG: Versorgungslücken trotz guter Bewertungen

28. September 2017 | By More

Fast ein Drittel der AMNOG-pflichtigen Arzneimittel sind in Deutschland nicht oder nicht mehr verfügbar. Bei AMNOG-Arzneimitteln mit hohem Zusatznutzen gibt es Versorgungslücken. Das sind die Ergebnisse eines vom Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) in Auftrag gegebenen Gutachtens. Für den „AMNOG-Check 2017“ haben die Gesundheitsökonomen Prof. Dieter Cassel und Prof. Volker Ulrich die Effekte von Nutzenbewertung und Preisfindung neuer patentgeschützter Arzneimittel der vergangenen sechs Jahre empirisch ausgewertet. Die Bilanz offenbare eine paradoxe Versorgungswelt.

Sechs Jahre nach ihrer Einführung offenbare die Frühe Nutzenbewertung des AMNOG* folgenreiche Effekte für die Arzneimittelversorgung der Bevölkerung, so das BPI. Der AMNOG-Check belege, dass sich durch Nicht-Einführung und Marktaustritte von Arzneimittel-Innovationen in Deutschland den Patienten immer weniger Therapiealternativen zur Verfügung stehen. So hat sich die Verfügbarkeit von europäisch zugelassenen Arzneimittel-Innovationen im Zeitraum 2011 bis 2015 von 98,5 % auf 82 % verringert.

Gleichzeitig führen Marktaustritte zunächst in Deutschland eingeführter Präparate zu noch niedrigerer Verfügbarkeit. Die empirische Analyse der Gesundheitsökonomen Prof. Dieter Cassel (Universität Duisburg-Essen) und Prof. Volker Ulrich (Universität Bayreuth) ergab, dass im gleichen Zeitraum 22 AMNOG-Produkte nicht mehr im Vertrieb sind. Nicht-Einführung und Marktaustritte führen zusammen zu einem Rückgang der Verfügbarkeit auf insgesamt 69 % der AMNOG-fähigen Medikamente. Die Marktaustritte haben sich 2016 auf 27 erhöht, ein weiteres Präparat wurde in bestimmten Dosierungen zurückgezogen. In 14 Fällen kam es zu einem Rückzug nach der Frühen Nutzenbewertung. In vier Fällen erfolgte eine Rücknahme nach den Preisverhandlungen, in zehn Fällen nach dem Schiedsspruch. Ulrich: „Unsere Untersuchung zeigt, dass damit hierzulande inzwischen fast ein Drittel der von der EMA zugelassenen AMNOG-fähigen Präparate nicht oder nicht mehr verfügbar ist.“

Spätestens nach positiver Nutzenbewertung und Vereinbarung eines Erstattungsbetrages sollten die betreffenden Präparate auch zügig beim Patienten angewendet werden. Wie die Autoren zeigen, ist dies auch dann nicht der Fall, wenn Präparate vom G-BA einen erheblichen oder beträchtlichen Zusatznutzen und damit einen hohen therapeutischen Wert attestiert bekamen. Die Analyse der Gesundheitsökonomen bringe zudem noch ein weiteres Paradoxon zum Vorschein, so der BPI. „Mit dem AMNOG ist ein Kreislauf in Gang gekommen, bei dem die Regulierung und Kostendämpfung bei neuen Arzneimitteln ökonomische Sachzwänge auslöst, die höhere Launchpreise – und somit auch höhere Erstattungsbeträge – der nachfolgenden Produktgeneration erzwingt, welche meist mit noch strengeren Preisregulierungen beantwortet werden“, erklärt Cassel.

Für Dr. Norbert Gerbsch, stellvertretender Hauptgeschäftsführer BPI, sind diese Entwicklungen alarmierend: „Das AMNOG wurde durch den Wechsel vom Rabatt- zu einem Preissystem auf den Kopf gestellt. Eine Kurskorrektur ist dringend erforderlich.“ Der Verband fordert den Gesetzgeber auf, das AMNOG wieder auf Kurs zu bringen.

Quelle: BPI
Bild: Fotolia.com

* Mit dem Gesetz zur Neuordnung des Arzneimittelmarktes in der gesetzlichen Krankenversicherung(Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz – AMNOG) sollten die steigenden Arzneimittelausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung eingedämmt werden. Der Preis neuer Medikamente sollte sich an ihrem Zusatznutzen im Vergleich zu bereits auf dem Markt befindlichen Therapien orientieren. Das Gesetz wurde am 11. November 2010 vom Deutschen Bundestag verabschiedet und trat in seinen wesentlichen Teilen zum 1. Januar 2011 in Kraft.

 

Category: Medizin

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