OCT: Nutzen und Schaden unklar

13. Juli 2017 | By More

Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) hat untersucht, ob Patienten mit den Netzhauterkrankungen feuchte (neovaskuläre) altersbedingte Makuladegeneration (nAMD) und diabetisches Makulaödem (DMÖ) einen Vorteil haben, wenn ihre Behandlung mittels optischer Kohärenztomografie (OCT) gesteuert wird. Das Ergebnis: Nutzen und Schaden der Diagnostik mittels OCT seien fraglich. Teils gäbe es weiterhin keine Daten, teils zeigten sie keine relevanten Unterschiede. Und bei bestimmten Behandlungsstrategien seien die Studienergebnisse in Hinblick auf das Sehvermögen mit OCT sogar schlechter ausgefallen als ohne OCT.

Für seinen Vorbericht vom November 2016 hatte das IQWiG zwei randomisierte, kontrollierte Studien in die Bewertung einbeziehen können, beim Abschlussbericht seien es nun acht gewesen, da Autorinnen und Autoren weitere Informationen zu ihren Studien offen gelegt hatten und sicher gestellt war, dass die Therapie tatsächlich fast ausschließlich durch OCT gesteuert worden war. Trotz des größeren Studienpools seien jedoch wichtige Fragen weiterhin offen.

Im Auftrag des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) sollten die Kölner Wissenschaftler untersuchen, ob die OCT für die Diagnose einer Netzhauterkrankung nützlich ist und ob sich mit der OCT der Bedarf für Medikamenteninjektionen besser kontrollieren und steuern lässt. Für die erste Frage hätten keine Daten vorgelegen, weshalb der Bericht primär die OCT in der Therapiesteuerung untersucht habe.
Datenlage für Patienten mit nicht vorbehandelter nAMD

Am besten sei die Datenlage für Patienten mit nicht vorbehandelter nAMD beim Vergleich zwischen OCT und einer monatlichen Behandlung, also nach einem festen Zeitintervall. Hier gäbe es aussagekräftige Daten für alle patientenrelevanten Endpunkte (Sehvermögen, Schmerzen, Fremdkörpergefühl, unterwünschte Ereignisse, gesundheitsbezogene Lebensqualität). Bei den meisten Zielkriterien hätten sich allerdings keine relevanten Unterschiede zwischen den Behandlungsgruppen gezeigt. Im Hinblick auf die Verbesserung der Sehschärfe seien die Ergebnisse dagegen schlechter ausgefallen, wenn die Therapie durch OCT gesteuert wird.

Laut IQWiG gäbe es demnach zwar einen Hinweis auf einen geringeren Nutzen der OCT, die Autorinnen und Autoren wiesen aber darauf hin, dass nicht die OCT-Diagnostik das Sehvermögen negativ beeinflusse – vielmehr entstehe das Problem erst mit der Interpretation der OCT für Therapieentscheidungen. „In einigen Studien hat man offenbar zu sehr den OCT-Befunden vertraut, sodass viele Injektionen als unnötig gewertet und weggelassen wurden. Eine solche ‚Untertherapie‘ führte dann aber zu einem schlechteren Sehen“, erläutert Stefan Sauerland, Ressortleiter Nichtmedikamentöse Verfahren im IQWiG.

Häufigerer Therapieabbruch wegen unerwünschter Wirkungen?

Bei nicht vorbehandelten nAMD-Patienten lägen belastbare Daten auch für den Vergleich einer allein auf die Sehschärfe basierenden Therapie-Steuerung mit einer Steuerung mittels Sehschärfe ergänzt um OCT vor. Für Sehvermögen, Schmerzen und Lebensqualität zeigten die Daten keine relevanten Unterschiede. Mit OCT brächen die Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer allerdings häufiger die Therapie aufgrund von unerwünschten Ereignissen ab.

Zwar sei daraus ein Anhaltspunkt für einen höheren Schaden abzuleiten, allerdings sei dieses Ergebnis mit Vorsicht zu interpretieren. Denn die unerwünschten Ereignisse verteilten sich über alle Organe des Körpers und ließen nicht erkennen, dass sie durch die Behandlung des Auges verursacht wurden.

Datenlage für Patienten mit vorbehandelter nAMD

Für Patienten mit vorbehandelter nAMD gäbe es Studienergebnisse lediglich für den Vergleich von OCT mit einer monatlichen Behandlung und das auch nur für den Endpunkt „Sehvermögen“. Im Gegensatz zu den nicht Vorbehandelten hätten sich keine relevanten Unterschiede gezeigt.

Zwar gäbe es für die mit oder ohne OCT gesteuerte Behandlung des diabetischen Makulaödems (DMÖ) Daten zu mehr als einem Endpunkt, aber auch hier fielen die Ergebnisse nicht zugunsten oder zuungunsten der Steuerung mittels OCT aus. Folglich sähe das IQWiG hier auch keinen Anhaltspunkt für einen Nutzen oder Schaden.

Weniger Injektionen allein reichen nicht aus, um Nutzen zu belegen

Neben den genannten patientenrelevanten Endpunkten habe das IQWiG ergänzend den Aufwand betrachtet, der bei den jeweiligen Therapien respektive ihrer Steuerung entsteht: Tatsächlich sei die Zahl der Injektionen teilweise niedriger. Besonders deutlich sei der Unterschied bei Patienten mit nicht vorbehandelter nAMD: Im Vergleich der OCT-gesteuerten Behandlung mit einer monatlichen Behandlung seien es im Mittel etwa 13 gegenüber 23 Injektionen über einen Zeitraum von zwei Jahren.

Doch zum einen konstituiere der interventions- und erkrankungsspezifische Aufwand allein keinen Nutzen, vielmehr müsse es gleichzeitig Vorteile bei Mortalität, Morbidität oder Lebensqualität geben. Zum anderen fielen gerade bei dieser Patientengruppe die Ergebnisse zur Sehschärfe besonders stark zuungunsten der OCT aus. Das sei ein Indiz dafür, dass weniger Injektionen eine unzureichende Therapie bedeuteten.

Erwartungen wurden nicht bestätigt

Die breite Anwendung der OCT in der deutschen Augenheilkunde sieht Stefan Sauerland deshalb kritisch: „Die großen Erwartungen, die viele Fachleute an die OCT knüpften, wurden bislang nicht bestätigt. Ob man mit der OCT den Patientinnen und Patienten wirklich Injektionen ins Auge ersparen kann, ohne Therapieergebnisse zu gefährden, bleibt fraglich.“

(Quelle: IQWiG)

Category: Medizin

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